Schweizer IllustrierteNr. 47 / 18. November 2013

Philipp – ein Kind des Sturms

Geboren im Taifun. <strong>Shyrell, </strong>die philippinische Partnerin von Daniel Burkhalter, bringt in der zerstörten Stadt Tacloban einen Sohn zur Welt. So spektakulär rettet der Schweizer seine Liebsten.

Text Marcel Huwyler
Fotos Joseph Khem Anthony Requerme

Der Kontakt bricht mit-­ ten im Ferngespräch ab. Shyrell hat eben noch gesagt, der Sturm sei jetzt da, bei ihnen in Tacloban; und Daniel antwortet, sie solle sich in Sicherheit bringen. Dann – Stromausfall. Es ist Freitag, der 8. November, sieben Uhr morgens, der Schweizer Daniel Burkhalter, 53, sitzt in Malaysia im Hotel und spricht per Videokonferenz Skype mit seiner Partnerin Shyrell Tocjayao. Die 35-jährige Philippinerin wohnt auf der Insel Leyte in der Provinzhauptstadt Tac­loban. Burkhalter wird morgen zu ihr fliegen, er will unbedingt bei seiner Frau sein, ihr beistehen, Shyrell ist hochschwanger, das Kind kann jeden Moment zur Welt kommen.

Der Regen in Tacloban wird immer heftiger, der Wind stürmischer. Doch Shyrell und ihre Familie sind nicht sonderlich beunruhigt, jährlich erleben die Philippinen 20 Taifune, das ist schon beinahe Alltag. Zudem hat Shyrells Haus Betonmauern und gilt als sturmfest. Nachbarsfamilien, die in luftigen Wellblechhütten wohnen, kommen vorbei und bitten um Unterschlupf. Schliesslich harren sechs Familien im Haus aus und hoffen, der Taifun ziehe bald weiter. Shyrell und Daniel sprechen eben noch via Skype miteinander, als der Strom ausfällt. Das passiert häufig, denkt Shyrell, das ist ganz normal, ein Sturm halt. In dem Moment fetzt eine Böe das halbe Hausdach weg.

Vier Tage zuvor. Der japanische Meteorologe, der am 4. November in der Japan Meteorological Agency Dienst hat, entscheidet sich für zwei Dinge. Erstens: Er klassifiziert eine über dem Pazifik liegende «tropische Depression» mit der Registriernummer 44 neu als «tropischen Sturm». Und zweitens: Er gibt dem Ungetüm einen Namen – Haiyan, das chinesische Wort für Sturmvogel. Später werden die Meteorologen weltweit von einem «Supersturm» sprechen, dem stärksten Orkan, der jemals auf Land getroffen ist, der sich zusammenbraute aus 30 Grad warmem Pazifikwasser und Scherwinden, der perfekte Monster-Taifun. Haiyan fegt über die östlichen Inselgruppen der Philippinen und tobt sich über der Insel Leyte aus. Böen bis zu 360 km/h peitschen das Meer auf und treiben eine sechs Meter hohe Sturmflut wie einen Tsunami ins Landesinnere. Zwei Stunden jault und wütet Haiyan – und zieht dann weiter westwärts. Die 220 000-Einwohner-Küstenstadt Tacloban auf Leyte wird zu 90 Prozent zerstört.

Im Januar dieses Jahres weilt Daniel Burkhalter, der Ingenieur und Firmenberater aus Hinwil im Zürcher Oberland, für sechs Wochen auf Geschäftsreise in Malaysia. Im Hotel lernt er Shyrell kennen, sie arbeitet hier als Sängerin, verdient Geld für ihre beiden Töchter, für die sie allein sorgt. Die Mädchen leben daheim bei Verwandten in Tacloban. Shyrell singt gut, Daniel spielt seit seiner Jugend Jazz-Piano, über die gemeinsame Leidenschaft Musik kommt man sich näher. Burkhalter sagt: «Sie beeindruckte mich erst mit ihrem Gesang, dann mit ihrer aufopfernden Art für ihre Familie und schliesslich mit ihrem aufgestellten und geerdeten Wesen, die Dinge positiv zu sehen.» Die beiden werden ein Liebespaar. Wenige Wochen später ist Shyrell schwanger, zur Geburt des Kindes kehrt sie im Oktober auf die Philippinen zurück.

Das Chaos und das Leid sind unbeschreiblich, Taifun Haiyan hat ein ganzes Land in den Notstand versetzt. Fast 5000 Philippiner sind offiziell tot, 12 Millionen vom Unwetter direkt betroffen, Verletzte, Hinterbliebene, Obdachlose, 4,4 Millionen davon sind Kinder; Unzählige werden vermisst, und eine Million Reisbauern haben ihre komplette Ernte verloren.

Burkhalter schafft es bis in die philippinische Hauptstadt Manila, dort strandet er, kein Flugzeug, kein Schiff, nichts geht mehr nach Tacloban. Die Stadt, so sagt man ihm, sei total verwüstet, Tausende Tote seien zu befürchten, niemand wolle jetzt freiwillig dorthin, alle wollten weg. Die Telefonnetze sind tot, Burkhalter hat keine Ahnung, wie es seiner schwangeren Partnerin geht. Er will zu ihr, er muss da runter, in den Süden, nach Tacloban.

Mach, lieber Gott, dass es aufhört! Shyrell, ihre Familie und die fünf Nachbarsfamilien kauern im Haus, beten zusammen und halten sich umschlungen, während über ihnen Haiyan tobt. Regen und Böen fegen durch das weggerissene Dach ungehindert in die Wohnräume, wirbeln alles durcheinander. Zwei Stunden lang, sagt Shyrell später, zwei Stunden hätten sie so zusammen gelitten und gehofft. Um neun Uhr flacht der Taifun ab, zieht weiter. Doch kaum atmen die Menschen auf, heisst es, ein Tsunami überrolle die Hafenstadt. Shyrells Haus steht erhöht an einem Hang, Upper Nula Tula heisst das Quartier. Alle stürmen aus dem Haus und eilen den Hang hoch, flüchten vor der Sechs-Meter-Welle. Sie habe versucht, ganz ruhig zu bleiben, erzählt die 35-Jährige: «Nicht jetzt», habe ich gebetet, «lieber Gott, nicht jetzt, mach, dass ich keine Wehen bekomme.» Die Flutwelle, die so viel zerstört, so viele Menschen erschlägt und ertränkt, stoppt 200 Meter vor Shyrells Haus. Sicherheitshalber bleiben die Menschen die Nacht über auf dem Hügel. In den frühen Morgenstunden bekommt Shyrell Wehen, «nicht jetzt, lieber Gott, nicht jetzt», man bringt sie zurück ins Haus, eine Bekannte ist Hebamme, dann geht alles ganz schnell. Es ist ein Bub. «Ich war unglaublich froh, dass es dem Baby gut ging inmitten von Tod und Chaos», sagt sie, «aber ich sorgte mich um Daniel, wo war er, und würde er seinen Sohn je sehen?»

Daniel Burkhalter ergattert sich einen Platz auf einem der raren Flüge von Manila auf die Insel Cebu, von dort gelangt er mit der noch intakten Fähre auf die zerstörte Nachbarsinsel Leyte. Er führt einen grossen Koffer mit sich, vollgepackt mit Lebensmitteln. Die Hafenstadt Ormoc im Westen von Leyte ist ebenfalls stark verwüstet. Nach Tacloban! O nein, sagen ihm die Einheimischen, da fahre sicher keiner von ihnen hin, dort herrsche das nackte Chaos. In dem Moment erhält Burkhalter ein SMS. Von Shyrell. Die Freundin ihres Bruders hat ein Handy gefunden, das noch funktioniert. Burkhalter erfährt, dass alle wohlauf sind und dass ihm ein Sohn geboren wurde. Er schreibt zurück, er komme bald, er suche eine Mitfahrgelegenheit nach Tacloban. Per Zufall trifft Burkhalter einen Australier mit einem Kleinbus, der das gleiche Ziel hat. Für die 110 Kilometer lange Strecke brauchen die beiden Männer über neun Stunden. Die Zerstörung ist biblisch, eine Mondlandschaft, «erst als ich das sah, wurde mir klar, mit welcher Kraft der Taifun gewütet hatte», sagt der Schweizer.

Die Philippinen sind der zweitgrösste Archipel der Welt mit 7107 Inseln, 880 davon sind bewohnt. Man erreicht viele Orte nur per Schiff oder mit dem Flugzeug. Und genau das ist jetzt das grosse Problem der Regierung und aller Helfer: Viele Hafenanlagen und Flugpisten sind zerstört, ebenso die Strassen auf den Inseln, es gibt kein Hin- und vor Ort kein Durchkommen. Millionen warten auf Essen, Wasser und Medikamente, auf Strom und Benzin.

In der Hauptstadt Manila staut sich derweil die Spendenflut, Abertausende Tonnen Hilfsgüter und Heerscharen Helfer aus aller Welt stehen herum, Rettungskräfte, Ärzte, Ingenieure wären bereit, kommen aber nicht weiter. Die philippinische Regierung wird für ihr Krisenmanagement kritisiert. Das Pro­blem sei, sagt die zuständige Beamtin für Nothilfe, dass auch die meisten Staatsangestellten sich erst um ihre eigenen Angehörigen kümmern und sich noch nicht zur Arbeit zurückgemeldet haben. So auch in Tacloban: Von den 2700 Stadtangestellten sind nur 70 wieder im Einsatz. Viele Einheimische sind wütend, verzweifelt, traumatisiert und hungrig, ein explosives Gemüts­gemisch; es kommt zu Plünderungen und Überfällen. Ja, man könne dem plündern sagen, meint ein Einwohner Taclobans, wir nennen es überleben.

«Gott wird meinem Bruder vergeben», sagt Shyrell. Der junge Mann namens Dinnes wolle Nahrung besorgen, für seine Familie, seine Schwester, die nach der Geburt doch trinken und essen musste, um wieder zu Kräften zu kommen. Dinnes schlug sich bis zum Supermarkt durch, doch dort war alles kaputt, alles lag herum. Dinnes stahl einen Sack Reis. «Gott wird ihm vergeben», sagt Shyrell noch einmal, «er stahl nur, damit wir nicht hungern.» Es wird dunkel, über der Stadt hängt das eklig-süssliche Duftgemisch aus Benzin, Gewürz und Verwesung. Shyrell denkt an Daniel, an sein SMS – komme bald! –, wo er jetzt wohl ist? Plötzlich herrscht neue, grosse Aufregung. Selbst das trutzige Gefängnisgebäude der Stadt hat beim Taifun etwas abbekommen, nun sind die Häftlinge geflohen, einige verstecken sich in den Hügeln, andere schleichen in den Trümmern herum. Shyrell macht sich noch mehr Sorgen um Daniel. Die philippinische Armee patrouilliert unterdessen mit 3000 Soldaten und vier Panzern in Tacloban, ab 20 Uhr gilt Ausgangssperre wegen der Plünderer. Wie soll Daniel da durchkommen? Und dann steht er plötzlich da. Burkhalter beschreibt diesen Moment so: «Ich trat ins Haus, und da sassen 16 Personen im Kerzenschein. Den Moment, als ich Shyrell und unseren Sohn in den Armen halten durfte, kann ich mit Worten nicht beschreiben.» Und seine Partnerin sagt: «Ich war so glücklich wie selten in meinem Leben, und ich hoffte, dass jetzt alles zu einem guten Ende kommt.»

Tags darauf versucht Burkhalter für sie alle einen Evakuations-Flug mit einer C130-Militärmaschine zu ergattern, chancenlos. Abertausende wollen ebenfalls nur eines: weg hier! Dann halt nochmals via Landweg, sagt sich Burkhalter, wieder quer über die Insel, durch die Mondlandschaft, zurück in den Hafen Ormoc. Und so quetschen sich acht Erwachsene, drei Kinder und ein Baby in einen kleinen, blauen Mietbus. Nach fünfstündiger Fahrt erreichen sie den Hafen von Ormoc. Doch die Fähre legt erst am anderen Morgen ab, alle Hotelzimmer sind ausgebucht, in einem «Functional Room», einer besseren Besenkammer, übernachtet die Gross­familie. Doch keiner schimpft. Am anderen Tag erreichen sie mit der Fähre die praktisch unversehrte Insel Cebu.

Seither logieren Daniel Burkhalter und seine Familie in einem Hotelzimmer. «Heute haben wir einen Kinder­wagen gekauft», erzählt er am Telefon. Er lacht, lacht und sagt beinahe entschuldigend, seine Ausgelassenheit sei die Erleichterung nach der Anspannung und dem Grauen. Jetzt geht es darum, Pässe und Visa für die Kinder zu besorgen. Shyrells Angehörige werden noch einige Monate in Cebu bleiben, sobald es die Situation erlaubt, kehren sie nach Tacloban zurück. Und Burkhalter wird mit seiner Partnerin, deren zwei Töchtern und dem Baby nach Hinwil reisen. Und ein neues Leben beginnen.

Ihr Kind, geboren am Tag nach Haiyan, am 9. November um 15.52 Uhr, wird für immer das Taifun-Baby genannt werden. Das Kind ist aber auch eine Verbindung zwischen der Schweiz und den Philippinen. Darum haben ihm seine Eltern genau diesen Namen gegeben. Der Bub heisst Philipp.

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