Schweizer IllustrierteNr. 43 / 23. Oktober 2015 / GRUEN

Vom Polarlicht verzaubert

Der skandinavischen Kälte trotzt man am besten mit Schneeschuhlaufen oder Hundeschlittenfahren – und natürlich mit einem Besuch in der Sauna.

Text: Barbara Halter / Fotos: Véronique Hoegger

Zwei Vorurteile haben sich nach einem Tag Finnland bereits in (Polar-)Luft aufgelöst. Erstens: Schlittenhunde bellen zwar wild, sind aber sehr verschmust. Und zweitens: Hier ist es im Winter keineswegs immer dunkel. Wenn die Sonne im März abends um halb sechs untergeht, bleibt es noch gut zwei Stunden hell. Scheinbar endlos zieht sich die Dämmerung hin und taucht die Winterlandschaft in ein magisches Licht. Die hohen Kiefern verwandeln sich in hagere Schattengestalten. Eisig blau verfärbt sich der Schnee.

Am besten macht man es dann wie die ­Finnen und setzt sich in die Sauna. Im Basecamp Oulanka, im Nordosten Finnlands gelegen, ist diese mit einem Fensterchen ausgestattet. Während der Schweiss rinnt, blickt man in den verschneiten Wald, lässt den Tag Revue passieren und denkt mit einem Lächeln an die rasante Fahrt im Hundeschlitten und die liebenswerten Huskys von Lauri Sassali und seiner Frau Marika zurück. Das Paar besitzt rund ­sechzig Tiere, die mit ihnen auf einem Hof leben. In den Wintermonaten unternehmen sie mit den Hunden Schlittentouren für Touristen. Lauri Sassali – mit seinen breiten Schultern und dem rötlich blonden Bart entspricht er ziemlich gut dem Bild eines Wikingers – spricht Englisch und gibt zu Beginn einige Anweisungen. Doch viel zu erklären gibt es eigentlich nicht. Zwei Personen teilen sich einen Schlitten, eine sitzt vorn, die andere steht auf den ­Kufen dahinter und bremst, falls nötig. «Kann man auch Hooo rufen, damit die Hunde langsamer laufen?», will jemand aus der Gruppe wissen. «In Finnland macht nur der Weihnachtsmann Hooo», antwortet Sassali trocken und grinst.

Sobald die Teilnehmer auf die Schlitten zu gehen, springen die eingespannten Hunde auf. Kläffen, zwicken frech ihren Nachbarn ins Bein oder kugeln sich im Schnee. Als sich alle auf den Schlitten eingerichtet haben, lösen Sassalis Helfer die Leinen – und los geht es. Die Pfoten der Hunde ­trippeln und wirbeln, ihre Schwänze ­wedeln munter. Lauri Sassali führt mit ­seinem Gespann die sechs Schlitten an, schnell sieht man nur noch seinen breiten Rücken, auf dem sein langer hellblonder Zopf baumelt. Die vorgespurte Route führt durch Wälder, am höchsten Punkt öffnet sich der Blick in die Ferne bis zur riesigen Fläche des zugefrorenen Yli-Kitka-Sees.

Um nicht dem vorderen Gespann auf­zufahren, kommt die Bremse oft zum ­Einsatz. Die acht Hunde laufen freudig, bei jedem Stopp drehen sie ihre Köpfe zum Schlitten, als wollten sie fragen: «Hey, geht es bald wieder los?» Nach der Runde steht im Tipizelt warmer Tee bereit. Die Huskys liegen entspannt im Schnee und lassen sich genüsslich das dicke Fell kraulen. Für sie gibt es zwei Stunden später etwas zu fressen – sechzig Kilogramm Fleisch verfüttern Lauri und Marika Sassali im Winter täglich an ihr Rudel.

Zurück in die Sauna des Basecamp Oulanka: Wenn die Hitze nicht mehr erträglich ist, steckt man die Füsse draussen in den pulvrigen Schnee – oder steht einfach ein paar Minuten in der eiskalten Abendluft. Draussen vor der Sauna köcheln drei Ladys aus London im Sprudelbad und übertönen mit ihrer Lautstärke easily die Blubber­maschine. Das Basecamp ist bei britischen Aktivurlaubern äusserst beliebt. Viele von ihnen kommen an Weihnachten und im ­Januar – zur kältesten Zeit. Dann liegen die Temperaturen zwischen minus zwanzig und minus vierzig Grad.

Neben Winter und 200 Tagen Schnee im Jahr locken Natur und Outdoor-Aktivitäten. Das Camp liegt abgelegen am Juuma-See, an einem von 187 888 Seen in Finnland, am Rand des Oulanka-National parks. Gegründet hat das Hotel der Finne Keijo Salenius mit dem Ziel, «das Gegenteil eines Skiresorts zu bauen», wie er sagt. Sozusagen die Alternative zu den nicht weit entfernten Wintersportzen­tren Ruka und Kuusa­mo, mit Pisten, Loipen, einer ­bekannten Skischanze (Simon Ammann hat hier schon gewonnen) und Après-Ski-Meile. Wer ins Basecamp Oulanka kommt, sucht mehr Gemütlichkeit denn Party. Nach der Sauna erwartet einen im grossen Blockhaus das Abendessen. Im Kamin ­flackert ein Feuer, es riecht nach Holz. Die Gäste tragen Thermoleibchen und Trainerhosen. Auf den langen Tischen ­stehen selbst gebackene Brötchen und Preiselbeersaft in Glaskrügen bereit. Wenn alle da sind, gesellt sich der Koch dazu, um das dreigängige Menü anzukünden. Auffällig ist, wie unkompliziert Spezialwünsche erfüllt werden. Ob gluten- oder laktosefrei, vegan oder vegetarisch, für ­alles hat die Küche problemlos eine Alternative parat. Sogar die Butter auf dem Tisch gibt es mit dem Aufkleber «Glutenfree». Nicht dass Butter Gluten enthalten würde, aber so wird verhindert, dass ­jemand mit seinem Messer den Topf «verunreinigt». Gekocht wird mit Lebens­mitteln aus der Region, zum Hauptgang gibt es Elch-­Gulasch, zum Dessert Heidelbeeren – der grossen Kühltruhe sei Dank.

Nicht so verlockend ist die Vorstellung, nach dem Essen nochmals in die Kälte rausgehen zu müssen. Doch die Gästezimmer befinden sich im Blockhaus nebenan. Ab zehn Uhr tut sich Spektakuläres am Nachthimmel. Bei klarer Witterung lassen sich Polarlichter beobachten. Verursacht werden sie durch elektrisch aufgeladene Teilchen der Sonne, die in Erdnähe mit der Luft zusammentreffen. Etwas Geduld und Glück braucht es allerdings, um im rich­tigen Moment draussen zu stehen. Es kann sich aber lohnen, vor dem Schlafengehen die dicke Daunenjacke über das Pyjama zu ziehen, nochmals in die Fellboots zu schlüpfen und die lange Treppe runter zum See zu trippeln. Der Mond scheint, und über der zugefrorenen und zugeschneiten Wasserfläche feiern die Nordlichter ein stilles, farbenfrohes Fest. Wie mit einer Spraydose aufgesprüht, überziehen grünliche Schwaden den Himmel, die intensiver werden und dann wieder verblassen.

Der Bär hat in den Wäldern ­einige Spuren hinterlassen – er selbst schläft aber in Russland

Auf Finnisch heissen die Nordlichter ­«Revontuli», was wortwörtlich übersetzt Fuchs­feuer bedeutet. «Eine Legende der Sami besagt, dass der Polarfuchs die ­Lichter verursacht, wenn er über die Berge rennt und mit seinem buschigen Schwanz den Schnee aufwirbelt», erzählt einen Tag später Tessa Kokkonen, eine der Guides des Camps. Sie spricht fast perfekt Deutsch und unterhält während der Schneeschuhtour durch den Wald die Gruppe mit mehreren solchen Geschichten. Die junge ­Finnin hat aber auch ein geschultes Auge für die Natur und entdeckt die Spuren von Füchsen und Schneehasen, die Abdrücke des Otters auf dem Eis oder eine Wasseramsel, die dem Flussufer entlanghüpft. Das grösste Interesse ihrer Zuhörer gilt aber dem Bären – obwohl es von ihm nicht viel mehr als ein paar Haare an einem Ast sowie einen zersplitterten Baumstamm zu sehen gibt. Im Winter wandern die ­Tiere in Richtung russische Grenze ab und machen in den unbesiedelten Gebieten ihren Winter­schlaf. Für den Sommer kommen sie zurück in den Oulanka-Nationalpark. Die bekannteste, achtzig Kilometer lange Wander­route im Park heisst denn auch ­Bärenrunde. Dass man den Tiere begegnet, ist (glücklicherweise) unwahrscheinlich. Tessa Kokkonen hat erst zweimal in ihrem Leben welche gesehen, einmal davon auf einem Spaziergang mit ihren Hunden. Bei jeder Begegnung war sie heilfroh, dass die Bären in Finnland so scheu sind und von sich aus verschwinden.

Das Wandern mit den Schneeschuhen geht äusserst leicht, auch für Anfänger. Vom Basecamp Oulanka aus kann man direkt losstapfen, den gefrorenen See überqueren oder im Nationalpark Teile der ­Bärenrunde erkunden. Schneeschuhe und Stöcke stellt das Camp zur Verfügung, und wer nett fragt, bekommt dazu die dicksten, wärmsten Handschuhe ausgeliehen, die man sich nur vorstellen kann. Denn trotz blauem Himmel und Sonnenschein: Auch im späten Winter ist es noch kalt. Richtig kalt.

Basecamp Oulanka Die Lodge wird mehrheitlich von Gruppen ge-bucht, ein individueller Aufenthalt ist aber möglich. Die 18 Zimmer sind einfach eingerichtet, 9 davon genug gross für Familien. Im Winter werden im Camp Schneeschuhwanderungen, Eisklettern und Schneehüttenbauen angeboten. Die Huskytouren führt der Anbieter Kota-Husky durch.

Gruppenreise Baumeler bietet neu eine Winterreise nach Finnland an. Unterkunft im Basecamp Oulanka, mit Schneeschuhtouren, Hunde­schlittenfahrt und Tierbeobachtungen. Acht Tage ab CHF 2850.– (pro Person im DZ inkl. Flug). Daten: 7. bis 14. Februar 2016 oder 6. bis 13. März 2016.

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