Schweizer IllustrierteNr. 51 / 18. Dezember 2015

«Jeder soll tragen, was er will»

Eine Lehrerin in Gossau ZH verbot ihren Schülern, Edelweiss-Hemden zu tragen. <strong>alfred Jenni </strong>und seine Familie freuts: Ihre Firma Märithüsli in Meiringen BE kommt kaum nach mit Produzieren. Die Hemli sind der Renner!

TEXT THOMAS KUTSCHERA
FOTOS KURT REICHENBACH

Die Nähmaschinen rattern im Stakkato, das Telefon schellt im Minu­tentakt. Doch Therese Jenni, 59, bleibt die Ruhe in Person – auch wenns in ihrem Familienunternehmen in Meiringen BE zurzeit doch «es chlises Gjufel» gibt. Das Weihnachtsgeschäft läuft wie geschmiert, wie immer. Doch nun bekommt die Märithüsli AG, Schweizer Marktführer in der Produktion von Edelweiss-Hemden, noch zusätzliche Aufträge. Dutzende! Aus einem ganz besonderen Grund. Die Berner Oberländerin: «Viele Leute sind solidarisch mit den Schülern von Gossau.»

Was ist passiert? Am Freitag, dem 11. Dezember, war im dortigen Sekundarschulhaus Berg eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern mit blau-weissen Edelweiss-Hemden zum Unterricht erschienen. Sie wollten ein patriotisches Zeichen setzen, erklärten die Jugendlichen: «Wir sind stolze Schweizer.» Ihre Lehrerin, eine Schweizerin, reagierte harsch – und verbot das Tragen solcher Hemden: Das sei rassistisch. Die Wogen an der Schule haben sich mittlerweile geglättet. Die Lehrerin habe unbedacht und emotional reagiert, sagt Schulleiter Patrick Perenzin. Die Jugendlichen haben die Entschuldigung ihrer Lehrerin angenommen.

Schon vergangenen März hatte ein Verbot für Zoff gesorgt, damals an der Volksschule in Willisau LU. Darauf kamen fünf SVP-Nationalräte im traditionellen Schwingerhemd zur Session nach Bern. Hemdenherstellerin Therese Jenni: «Schade, wenn dieses ­typische Schweizer Produkt verpolitisiert wird! Jeder soll tragen, was er will.»

Auch ihr Mann Alfred, 62, schüttelt den Kopf. Er war mit ­seinem Märithüsli-Marktstand in Dielsdorf ZH, als er erfuhr, was sich zwei Tage zuvor in Gossau er­eignet hatte. Viele Kunden hätten sich aufgeregt, erzählt er. Einer polterte: «Da erlaubt es unser Bundesgericht einem muslimischen Mädchen, in der Schule ein Kopftuch zu tragen. Doch ein Schwingerhemd soll nicht erlaubt sein?»

Alfred Jenni informierte um­gehend seine Frau – auch sie war an einem Marktstand, in Thun BE. Eine Viertelstunde später kam die erste Interview-Anfrage. «Wir hätten nie gedacht, dass das Thema so hohe Wellen wirft.» Sohn Samuel hat von einem Mann gehört, der ein Edelweiss-Hemd kaufte, um es aus Solidarität mit den Schülern auf seinen Baustellen zu tragen. «Er meinte: ‹Mal schauen, ob mir das jemand verbieten kann.›»

Seit 1978 stellt die Firma Märithüsli Edelweiss-Hemden her. Über 20 000 pro Jahr sinds mittlerweile, in zehn verschiedenen Farben. Immer mehr Kundschaft gibts in städtischen Gebieten. Den Stoff beziehen die Jennis von einer Weberei in Österreich, zu Hemden verarbeitet wird er in der Ostschweiz, im Tessin und im Atelier in Meiringen. Hier, am Hauptsitz, sind 20 Angestellte beschäftigt, die Näherinnen verarbeiten Spezialaufträge. Therese Jenni ist für Atelier und Versand verantwortlich, Alfred für Finanzen und Marktorganisation. Auch die Kinder arbeiten im Betrieb: Patrik, 34, als Logistiker und Marktfahrer, Samuel, 30, im Marketing, Rea, 28, ist Chefin der Buchhaltung.

Zehn Arbeitsschritte brauchts für ein Edelweiss-Hemd, nach einer Stunde ist es fixfertig. Der Klassiker: hellblau, langarm, ohne Kragen. Preis 80 Franken. «Wir legen Wert auf gute Qualität.» Kürzlich erzählte ein neuer Kunde, mit einem in Asien gefertigten Billig-Edelweiss-Hemd sei er nicht zufrieden gewesen.

2016 wird ein intensives Jahr für die Jennis. Aufs Eidgenös­sische Schwingfest hin haben sie 12 000 Meter zusätzlichen Stoff bestellt, 8000 Hemden mehr hoffen sie zu verkaufen. Und zu den Ladenlokalen in Meiringen und Ballenberg-Ost wird sich ein neues Geschäft in Interlaken BE gesellen. «Vor allem Touristen aus dem arabischen Raum sind verrückt nach den Chutteli mit den Edelweissen.» Im Moment bewältigen Jennis das Weihnachtsgeschäft. An den Festtagen sitzen sie dann um den Weihnachtsbaum, daheim im nahen Brienzwiler. Keine Frage: in Edelweiss-Hemden.

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