Schweizer IllustrierteNr. 15 / 15. April 2016

Im Land der Briefkästen

Schwarzgeld, Steuerflüchtlinge, dubiose Geschäfte. Alle reden über die <strong>Panama Papers. </strong>Die Schweizer Illustrierte besucht das Land, das dem Datenleck seinen Namen gegeben hat. Und entdeckt leere Büros, frustrierte Schweizer und viel Armut.

TEXT ANJA CONZETT
FOTOS MONIKA FLÜCKIGER

Briefkästen sieht man keine im Land der Briefkastenfirmen. Dafür unzählige Schilder am Eingang der Hochhäuser. Kartonschachteln und herunterhängende Vorhangleisten hinter dreckigem Spiegel­glas, kein Licht, kein reges Ein- und Ausgehen. So leer die oberen Stockwerke auch sind – die Foyers der Wolkenkratzer sind streng bewacht.

Wer überprüfen will, ob hinter der Fassade auch gearbeitet wird, muss schon eine Etage mieten. Oder warten, bis der Sicherheitsmann grad nicht aufpasst. Das P. H. Plaza 2000 hat 21 Stockwerke. Zehn davon sind benutzte Büroräume oder solche, die man nicht überprüfen kann. Im Rest herrscht eine gespenstische Leere. Der Schriftzug der Firma abgekratzt oder abgeblättert, Steckdosen hängen aus den Fassungen, abgewetzte Büromöbel hinter schmutzigem Glas. Totenstille.

Panama-Stadt ist mit «Zu verkaufen»-Schildern zugepflastert, aber von den elf freien Büros des Plaza 2000 sind nur zwei zur Miete ausgeschrieben. Der Rest ist ­offiziell besetzt.

Ein Hotel, ein paar Strassen weiter: 40 Stockwerke goldenes Spiegelglas. Nur auf acht Etagen befinden sich Zimmer, sechs weitere werden als Parkhaus benutzt, aber nur in einem Stock stehen wirklich Autos. Der Rest: Büroräume, viele noch im Rohbau, obwohl das Gebäude bereits vor zwei Jahren fertiggestellt wurde.

Jedes siebte Hochhaus Zen­tralamerikas steht in Panama-Stadt. Wer hier eine Offshore-Firma gründet, will Geld verstecken – vor was oder wem auch immer. Hunderttausende sollen es sein. «Es ist halt so», sagt Roland Pfister. Er habe es schon längst auf­gegeben, hier etwas verändern zu wollen. Der 57-jährige Berner lebt seit 18 Jahren in Zentralamerika, die meiste Zeit davon in Panama. In der Schweiz war er 20 Jahre lang Nationaltrainer der Ski­akrobaten und Trampolinspringer. Berge, Schnee, Sicherheit. Das verbindet er mit der Schweiz. Und mit Panama? «Nicht nur Schlechtes. Aber die Leute hier sind oft Minimalisten und auch Egoisten. Das zieht dann natürlich auch die Minimalisten und Egoisten aus dem Ausland an.»

Pfister hat zwei Jahre lang für Mossack Fonseca als Software-Entwickler gearbeitet. «Es war ein guter Arbeitgeber», sagt der heutige Helipilot. Bei Weitem nicht alle Angestellten hätten von den dubiosen Geschäften gewusst, die jetzt als «Panama Papers» weltweit zu reden geben. «Ich denke, auch die Chefs, die genau wussten, was sie tun, glauben immer noch, dass sie mit vollem Recht gehandelt haben. Sie werden von einem System getragen, dass sehr viel grösser ist als Panama.» Die meisten Banker, die hier arbeiten, seien kleine Fische, keine Hot Shots wie in Genf. Und Offshore-Praktiken? «Briefkastenfirmen sind unschön, aber sie schaffen Arbeitsplätze, und die braucht dieses Land dringend.»

Gleissende Wolkenkratzer, mit Rollrasen gesäumte Strandpromenaden, Luxusschlitten vor Luxusboutiquen, Frauen im ­Gucci-Kleid. Das ist Panama. Herabhängende Stromkabel, Schlaglöcher gross wie Dolendeckel, Wellblechhütten neben offener Kanalisation, Kinder, barfuss im Scherbenmeer. Auch das ist Panama. Zwischen dem Business-District der Hauptstadt und dem Slum Boca la Caja liegen wenige hundert Meter. Und mehrere Welten.

Bis vor Kurzem war das vier Millionen Einwohner zählende Land wenn überhaupt nur als Kanal ein Begriff. «Vor 20 Jahren wurde ich in der Schweiz noch gefragt, ob Panama in Afrika liege.» Vanessa Miguel schüttelt den Kopf. «So schnell wird das nicht wieder passieren», sagt die 35-jährige Panama-Schweizerin. Nicht mehr nach dem grössten Offshore-Datenleck der Geschichte, das Einblick in die undurchsichtigen Machenschaften von Treuhändern, Banken und Finanz­gesellschaften gewährt – den «Panama Papers».

Vanessa Miguel war schon als Kind in Panama. Seit acht Jahren ist sie wieder hier, dazwischen lebte sie in Brasilien, Genf und in der Karibik. Eine «latinisierte Schweizerin» und Präsidentin des Club Suizo, dem 250 der 910 Schweizer in Panama angehören. Hauptberuflich führt die Politologin ein Tearoom mit 15 Angestellten. Einfach sei das nicht. «Offshore-Geschäfte dürften nicht existieren. Aber auch wenn das hier niemand hören will – die ‹Panama Papers› sind noch das kleinste Problem dieses Landes.»

Nach Panama geführt hat sie ihr früherer Job bei Nestlé, hier­behalten hat sie die Liebe. «Die Liebe ging vorüber, Panama blieb.» Glücklich sei sie nicht darüber. «Im Moment wäre ich lieber in der Schweiz. Aber ich habe das Geschäft mit meiner Mutter und meinem Bruder hier.» Mit der Schweiz verbindet sie Ordnung, Werte und Gesetze, die auch eingehalten werden. Mit Panama? «Korruption und Nachlässigkeit.»

«Panama verbindet das Beste beider Welten», sagt Yvonne Löhrer. «Westliche Standards und exotisches Klima.» Probleme? «Ja, die haben wir. Die Busse sind eine Katastrophe! Dafür gibts jetzt die Metro – sie ist fantastisch!» Die 50-jährige Touristikerin, die den Schweizer Club vor Vanessa Miguel präsidierte, ist eine Seconda. Sie wurde in Panama geboren, hat nie in der Schweiz gelebt. Ihre Eltern wanderten vor 55 Jahren hierher aus. Schweizerdeutsch spricht sie nur, weil die Mutter am Zmittagstisch darauf bestanden hat. Mit ihrer alten Heimat verbindet sie ihre Verwandten, Fondue, Kerzen auf dem Christbaum und Jassen. «Panama Papers»? Das sonst so helle Gemüt der ehemaligen Profitennisspielerin verdunkelt sich. «Dazu sage ich nichts. Es ist nicht gut für Panama. Punkt.»

Pedro Zwahlen ist Schweizer Botschafter in El Salvador, Nicaragua und Panama mit Sitz in Costa Rica, wo seine Ehefrau Botschafterin ist. Er ist nicht wegen des Lecks bei Mossack Fonseca im Land, sondern wegen eines lange geplanten Termins. Zum Datenleck gibts keine Auskunft. Nur so viel: Dass die Beziehungen zwischen der Schweiz und Panama von den Enthül­lungen belastet werden, glaubt er nicht. Nervosität sei von der Schweizer Gemeinschaft nicht spürbar. «Business as usual.»

«Mindestens 70 Prozent der Fläche im Business-District liegen brach. Eine Geisterstadt», sagt Vanessa Miguel. Spekulation und Geldwäsche seien schuld an diesen Ruinen der Hochfinanz, das Land stehe kurz vor der Rezession.

Laut dem World Economic ­Forum wächst die Schere zwischen Arm und Reich nirgends so rasant wie hier. Die Hälfte der zwei Millionen Einwohner von Panama-Stadt leben in Slums. Meist ohne Strom oder fliessendes Wasser. Hier prallen die Erste und die Dritte Welt mit Höchstgeschwindigkeit aufeinander. «Alles Westliche ist Fassade, eine Blase», sagt Vanessa Miguel. «Die Stadt ist wunderschön!», entgegnet Yvonne Löhrer.

Pfister kennt die Slums gut: «Seltsamerweise akzeptieren die Menschen dort, dass sie keinen Zutritt zur anderen Welt vor ihrer Nase haben.» Viele Panama-Schweizer würden umgekehrt genauso an der Realität der Pa­namaer vorbeileben. Vanessa Mi­guel weiss, wie ihre Putzfrau in San Miguelito lebt. «Manchmal schäme ich mich vor ihr.» Pfister und Miguel sind sich einig: Panama braucht einen Mentalitätswechsel, längerfristiges Denken, mehr Bildung. Löhrer: «Bessere öffentliche Verkehrsmittel, damit die armen Leute nicht mehr um vier Uhr aufstehen müssen, damit sie pünktlich um acht Uhr bei der ­Arbeit sind.»

Im langen Schatten des Trump Towers und seiner Schwestergebäude steht die Hütte von Maria Elena Cortiz. Die 81-Jäh­rige lebt hier mit 16 ihrer Kinder, Enkel und Urenkel. Auf 50 Quadratmetern. Die kleineren Kinder lässt sie nur im vergitterten Vorhof spielen. Boca la Caja ist zu gefährlich, auch für sie selbst. Die Narcos schmuggeln ihre Drogen über den Kanal des ehema­ligen Fischerdorfes. In der Nacht kommts regelmässig zu Schiessereien. In den neuen Stadtteil geht Maria Elena Cortiz nicht. «Wozu?» Die «Panama Papers», ja, davon hat sie gelesen. Sie nickt in Richtung Türme. Irgendjemand da drüben lüge, das sei alles, was sie verstanden habe. Cortiz’ Mann war 56 Jahre lang Abwart der Quartierschule. Alle ihre Nachkommen arbeiten, keiner macht schmutzige Geschäfte. Darauf ist sie stolz. Und was wünscht sie sich für Panama? Sie blickt auf den Enkel auf ihrem Schoss. «Baut Schulen, nicht Hochhäuser.»

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